© 2019 Anat Ivgi

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THE THIRD PILL
Installation 2018

6m x 2,8m x 2,5m
Alu Stangen, Stoff, Motor, Sound

Die Arbeit The Third Pill lässt mehrere Formassozia onen zu: Zum einen erinnert das Werk an das weibliche Geschlechtsorgan. Es erscheint einer abstrahierten und vergrößerten Form von Ei- erstöcken nachempfunden. Zum anderen weist es anorganische Elemente auf, die im Kontrast zum natürlichen Vorbild zu stehen scheinen. Das Werk lässt eine Maschine erkennen, ein künstliches Erzeugnis, ein gescha enes Produkt. Zugleich scheint dieses Produkt nicht von dieser Welt – es lässt an ein Raumschi denken, wenn nicht sogar an eine Konstruk on außerirdischen Ursprungs.

Beide Assozia onsrichtungen sind intendiert: Zum einen ist die organische anmutende Form von The Third Pill von natürlichen und kulturellen Symbolen bes mmt. Sie ist Organ, Blüte, Leben und Fleisch. Genau so ist sie Fortp anzungsmedium, Weiblichkeit, Status, Iden tät und an gesell- scha liche Funk onen gebunden. Die außerweltlichen Komponenten weisen wiederum auf die Möglichkeiten hin, die sich hinter irdischen Horizonten verbergen. Eine Transzendenz, die aber nicht nur Fak sches und Gewöhnliches, sondern auch den irdischen Raum als Ganzen hinter sich lässt – und mit dieser Überschreitung droht, bestehende Bedeutungen und Sinnzusammenhänge in der grenzenlosen Leere des Alls aufzulösen.

Die zwei kontrahierenden Pole umfassen jedoch metaphorisch einen eferliegenden Kon ikt, der zwischen Realität und Illusion ausgetragen und in welchem deren vermeintlich binäre Opposi on aufgehoben wird. The Third Pill soll auf einen dri en Pol deuten, der uns die Realität in der Illusion erö net. Grundlegend hierfür ist die von Slavoj Žižek getro ene Unterscheidung dreier Ebenen. des Verhältnisses, in welchem Realität (Aktualität) zu Illusion (Virtualität) stehen kann: Als imaginary vir- tual werden imagina ve Abstrak onen verstanden, die wir unweigerlich in unseren Bezügen zur Welt und insbesondere im idealisierenden Umgang mit anderen Menschen vornehmen, um angesichts der uns umgebenden Komplexitäten zurecht zu kommen; als symbolic virtual bezeichnet Žižek Symbole, die sich deshalb auf die Realität auswirken, genau weil wir sie in ihrer Virtualität anerkennen, wie z.B. Autorität oder Tradi on; das real virtual ist nun die Ebene, die sich The Third Pill zu eigen macht: Die Realität des Fik ven.
Was ist die Realität des Fik ven? Žižek folgend ist unser Weltzugang selbst grundlegend durch Fik - onen geformt, welche wiederum die Realität maßgeblich prägen, sei es durch poli sche Propaganda, kollek ve Traumata oder die Ideologie des Kapitalismus. Und auch unser Konzept von Weiblichkeit reiht sich in die uns prägenden realen Fik onen ein, insofern es real ist, also de facto gelebt wird und die Wirklichkeit formt, fundamental aber ein virtuelles Konstrukt ist. Doch das real virtual ist nicht einfach sta sch, sondern in ständiger Weiterentwicklung, und wie die virtuelle Realität von Weiblich- keit unsere Gegenwart prägt, so wird sie, wenn auch in anderem Gewand, unsere Zukun formen.

The Third Pill ist ein solcher Zukun sentwurf für die reale Fik on von Weiblichkeit. Die Frau ist in der Lage, ihr biologisches Schicksal an die Maschine abzutreten: Der künstliche Uterus über- nimmt die Fortp anzungsaufgabe, die naturwüchsige Seite der Weiblichkeit wird an die Maschine abgetreten. Das hat wiederum Konsequenzen für die Posi onierung von Weiblichkeit in einer tra- di onell patriarchalisch geprägten Gesellscha : Das immer verlorene Spiel, das Simone de Beauvoir skizzierte, wird aufgelöst. Ihre Unterscheidung zwischen sex (biologischem Geschlecht) und gender (der sozialen Rolle) forderte Frauen zur klarer Posi onierung auf. The Third Pill stößt Gedanken an, die eine solche Posi onierung für obsolet erklären. Das natürliche, biologische und objek vierende Schicksal von Frauen tri durch das maschinelle „outsourcing“ ab.
Was bedeutet das für die Frau? Welche Hürden des Weiblichen verschwinden? Welche Perspek ven der Weiblichkeit gehen verloren? Welche Chancen erö net diese Automa sierung? Kündigen sich mit der maschinellen Selbs ranszendenz ungeahnte Möglichkeiten und Freiheiten für die Frau oder

droht ihre Abscha ung in der Leere jenseits des Natürlichen?
Biologische Alltagseinschränkungen, unter denen Frauen leiden, schwinden in westlichen In-

dustrieländern nach und nach. Doch sie bergen auch immer eine Kehrseite. Auf die nega ven Wir- kungen der An -Babypille beispielsweise wird nur vernachlässigend hingewiesen, sodass das biolo- gische Schicksal und der Körper der Frau bereits durch industrielle Medizinprodukte determiniert werden. Mit The Third Pill wird der Gedanke konsequent weitergeführt, dass Möglichkeit und Be- drohung durch die Maschine bereits heute schon nahe beieinander liegen. Das Spannungsverhältnis zwischen der Erscha ung neuer Formen der Orien erung an der Natur einerseits und neuer Metho- den zur Manipula on der Natur steht dabei im Vordergrund der Arbeit.

Und eine weitere Dimension der Weiblichkeit in Gegenwart und Zukun betri mit der fort- schreitenden Synthese von Weiblichkeit und Maschine die Bühne: die Kommerzialisierung. In einer Gesellscha , in welcher Technisierung und Kapitalismus Hand in Hand gehen, ist die Frage nach der technischen Modi ka on auch stets eine Frage der Vermarktung. Demzufolge kons tuiert sich die s lisierte Form dieser Arbeit im Unterbewusstsein als eine Logo-Ästhe k. Weiblichkeit ist nicht nur natürliches und kulturelles Symbol, sondern reiht sich mit The Third Pill fügsam in die Markenzeichen der großen Brands mit ein.

Der Ausgangspunkt für diese künstlerische Arbeit war biogra sch bedingt. Im Erleben meiner ersten Schwangerscha wurden meine innere und äußere Geschlechtsorgane– notwendigerweise im medizinischen Kontext - so konkret thema siert wie nie zuvor. In der Folge entwickelte sich mein Interesse für die Eigenheiten der Form der Vagina, ebenso wie für die sich rasant entwickelnden chirurgischen Methoden zu ihrer – sowohl ästhe schen, als auch funk onalen – Perfek onierung. Gedanken über die Schwangerscha als Verwirklichung oder Fluch, als Aufopferung oder neu ge- wonnene Freiheit der Frau stehen als Mo va on hinter The Third Pill.